Journalismus 2.0 – Zwischen Tradition und Trend

Thomas Venker, Ossi Urchs und Dietmar Schwenger (Foto: Popakademie Baden-Württemberg)

Thomas Venker, Ossi Urchs und Dietmar Schwenger (Foto: Popakademie Baden-Württemberg)

Die Popakademie Baden-Württemberg lud am vergangenen Wochenende zum für die Öffentlichkeit zugänglichen Kongress Zukunft Pop und einige Größen des Journalismus gaben sich die Ehre, um am Panel „Medien von Print bis 2.0 – Wohin entwickeln sich die medialen Takt- und Themengeber der Popkultur?“ teilzunehmen. Gute 90 Minuten lang wurde in dieser Runde lebhaft über die Entwicklungen im Mediensektor debattiert, jedoch lässt sich aus Zuhörersicht resümierend attestieren, dass es sich hierbei weniger um eine zukunftsorientiertes Stelldichein mit Brainstorming – Charakter, als vielmehr um eine Zusammenkunft zur Vergangenheitsanalyse und Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation handelte.  Dirk Rothenbücher (SWR) fungierte als Moderator der Veranstaltung, an der Thomas Venker (Intro), Andreas Borcholte (Spiegel Online), Ossi Urchs (F.F.T. Medienagentur), Dirk Peitz (u.a. Die Zeit), Dietmar Schwenger (Musikwoche) und Uli Frank (SWR3) teilnahmen. Die folgende kurze Zusammenfassung des Talks beschränkt sich auf einzelne Aspekte, die sich um das Thema Medien und Web 2.0 drehten. Die ebenfalls diskutierten Befindlichkeiten des Musikjournalismus, was seine inhaltlichen Zielsetzungen, Befindlichkeiten und Probleme von der Künstlerförderung bis hin zur Mainstreamabhängigkeit angeht , sollen an dieser Stelle aus pragmatischen Gründen ein wenig ausgeblendet werden.

Eine Erkenntnis zeichnete sich in der Diskussion von Anfang an sehr deutlich ab: News machen nicht mehr die klassischen Medien, sondern das Internet! Breite Einigkeit herrschte in dieser Betrachtungsweise bei den Medienvertretern. Die Einsicht, dass Newsdienste und Social Networks in der Verbreitung rudimentärer, ungefilterter und unkommentierter  Information mittlerweile gegenüber den etablierten Printmedien deutlich die Nase vorne haben, ist sowohl im Bewusstsein der Verbraucher als auch im Selbstverständnis der Medien angekommen. Die Kluft zwischen Nachrichtenagentur und Twitterer scheint demnach gar nicht mehr so breit zu sein. Der Vertreter des „offline“ Journalismus sei gut beraten, auf sein klassisches Steckenpferd zu setzen, so die Meinung von Dirk Peitz und Thomas Venker. „Wir machen Storys“ schien als ihr Werbeslogan für gut recherchierten und in Substanz und Umfang breit aufgestellten Journalismus zu fungieren. Der ausführliche Text soll also die Lebensversicherung der Printmedien bleiben, da das Netz in der Regel eher auf knappen Informationsaustausch fixiert ist.  Ein durchaus nachvollziehbarer Gedankengang, denn wer liest schon gerne ein mehrseitiges Dossier am Bildschirm?

Ebenfalls deutlich positiv bewertet wurde von den Experten die Austauschmöglichkeit zwischen Produzent und Rezipient im Web 2.0 . Herr Borcholte von Spiegel Online gab hier kleine Einblicke in das Seelenleben eines Journalisten, das durchaus von Kommentaren zu verfassten Artikeln abhängig ist und sich diese auch zu Herzen nimmt. In diesem Sinne wird das Web 2.0 zur Qualitätssicherungsinstitution. Ein online publizierter Artikel eines Mediums wird nicht nur die entsprechende Leserschaft, sondern auch positive wie negative Kritik hervorrufen, die eine ungeheure Flächenwirkung und Eigendynamik entwickeln kann. Der Kontrast zu wenigen, selektiv ausgewählten und veröffentlichten Leserbriefen des klassischen Printmediums liegt hier auf der Hand. Genaue Recherche und Fachkenntnis werden dem im Netz veröffentlichenden Journalisten also abverlangt wie nie zuvor.

Unter Einschränkungen honoriert wurde das Expertenwissen der Blogosphere. Thomas Venker betonte hier die von Musikjournalisten aufgebauten Kontakte und Nähe zu Künstlern, die dem durschnittlichen Blogger verwehrt bleiben werden. Netzurgestein Ossi Urchs, dessen Fachkenntnis und Internetaffinität in der gesamten Diskussion durchschimmerte, konterte mit beispielhaftem Verweis auf die Fans der legendären Grateful Dead, die den Künstlern über Jahre hinterherreisen und ihnen persönlich näher stehen als es einem Journalisten je möglich wäre. Während dieses Diskussionsabschnitts wurden mehrfach die altbekannten Bedenken gegenüber der Weltanschauung der Blogger geäußert, die oftmals an den Grenzpunkten der eigenen Expertise ende und darüber hinaus den berühmten „Blick über den Tellerrand“ nicht erlaube.

Nach unterhaltsamen 90 Minuten, die jedoch in puncto neuartige journalistische Ansätze und Geschäftsmodelle wenig neue Ideen aufbrachten, blieb man mit dem Gefühl zurück, es herrsche eine generelle “Abwarten und Anpassen” Haltung, wohin sich die Zukunft im Bereich Journalismus und Web entwickeln wird. In  der gegenwärtig gewaltigen Umbruchsituation möchte man dies auch keinem der an der Diskussionsrunde Beteiligten verübeln. Gefragt sind hier in erster Linie Verleger und Medienunternehmen und nicht einzelne Journalisten. Befremdlich stimmte der Moment, in dem ein Teilnehmer Bezug auf Ashton Kutchers Twitterverhalten nahm. Kutchers Berater müssten angesichts des substanzlosen und trivialen Twittergeblubbers ihres Klienten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so der ungefähre Wortlaut an dieser Stelle. Reflexartig möchte man denken, ein Journalist solle doch erfreut sein über ein solches Maß an Transparenz, vielleicht scheint sich aber genau an diesem empfindlichen Punkt die Angst um die eigene Domäne zu verstecken: War es früher noch die Aufgabe der schreibenden Zunft, Prominente durch ungeschminkte Exklusivberichte von ihrem überhöhten, halbgottähnlichen Podest herunterzuholen und einer gierig lechzenden Leserschaft zum Fraß vorzuwerfen, so übernehmen die Web 2.0 Promis das nun in Eigenregie und haben augenscheinlich auch noch einen Riesenspaß dabei…

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